Ballade vom ertrunkenen Mädchen
1
Als sie ertrunken war und hinunter schwamm
Von den Bächen in die größeren Flüsse
Schien der Opal des Himmels sehr wundersam
Als ob er die Leiche begütigen müsse.
2
Tang und Algen hielten sich an ihr ein
So dass sie langsam viel schwerer ward.
Kühl die Fische schwammen an ihrem Bein
Pflanzen und Tiere beschwerten noch ihre letzte Fahrt.
3
Und der Himmel ward abends dunkel wie Rauch
Und hielt nachts mit den Sternen das Licht in Schwebe.
Aber früh ward er hell, dass es auch
Noch für sie Morgen und Abend gebe.
4
Als ihr bleicher Leib im Wasser verfaulet war
Geschah es (sehr langsam), dass Gott sie allmählich vergaß.
Erst ihr Gesicht, dann die Hände und ganz zuletzt erst ihr Haar.
Dann ward sie Aas in Flüssen mit vielem Aas.
— Bertolt Brecht (1919)
Autofiktion
Ich, in meiner geliehenen Zwei-Zimmer-Wohnung, bin niemand. Ich existiere kaum, ich bin ein fiktives Wesen. Ich schreibe meine Autofiktion. Ich lasse den Eiffelturm hinter mir, mein Blick geht hinab zum Nabel, ich bleibe an mir selbst hängen. Dort versuche ich vorsichtig, meine Quintessenz zu fassen. Seit ich mein Leben in Sätze umwandle, finde ich mich interessant. In dem Maße, wie ich zur Figur werde, kann ich mich für mich begeistern. Wie für Lucien de Rubempré, Julien Sorel, so es mir gelingt, mich aufregend zu machen. Mein verfehltes Leben wird ein literarischer Erfolg werden.
(aus: “Un amour de soi”, Serge Doubrovsky, zitiert nach Kultur + Gespenster #7: Autofiktion)