Zweifel und Verunsicherung
Vorbetrachtung
Was ich im Folgenden wiedergeben werde, ist eine Situation, die ich so am gestrigen Donnerstag, dem 23. Juli 2009 erlebt habe. Ich werde versuchen, meine Beschreibungen frei jeglicher Fiktion halten und die Authentizität zu wahren. Dass mir dies nicht vollständig gelingen wird, weiß ich - schon allein, weil ich versuche die Monolog-Dialog-Form beizubehalten und vieles weglassen werde, aber der Versuch zählt. Ich hatte schon viele interessante Begegnungen in Berlin, aber die gestrige ist dennoch die bei Weitem außergewöhnlichste.
Die Rahmenbedingungen
Es war ein schöner Tag. Schön, in mehreren Bedeutungsebenen: Das Wetter war angenehm und ich hatte zeitig Feierabend. Das Wetter animierte mich, meine Inline Skates nach langer Zeit wieder einmal anzuschnallen, um durch Ost-Berlin zu rollen. Der Plan: Die Danziger Straße entlang bis zum Frankfurter Tor, dann die Karl-Marx-Allee hinunter bis zum Alexanderplatz, die Greifswalder Straße hoch und nach Hause. (Nebenbei: Berlin ist ein wirklich schlechtes Pflaster, im wahrsten Sinne des Wortes und ich würde das nie wieder machen.)
Die Begegnung
Als ich auf der Karl-Marx-Allee, auf Höhe der U-Bahn-Station Weberwiese, war, winkte mich ein älterer Herr, circa 75 Jahre alt, schmächtig, mit einer Packung Pfirsich-Eistee im Arm, an sich heran. Da ich davon ausging, nach dem Weg gefragt zu werden, hielt ich an und widmete ihm meine Aufmerksamkeit.
Der Mann: Ach, vielen Dank, dass Sie anhalten. Das ist wirklich freundlich. Es gibt so wenige freundliche Menschen heutzutage. Entschuldigen Sie, dass ich Ihre Zeit raube, aber darf ich Ihnen eine Frage stellen?
Ich: Ja, natürlich.
Der Mann: Vielen Dank. Haben Sie wirklich vielen Dank. Sie werden heute viel lernen. Also, es geht darum. Wer leidet, wenn eine Beziehung beendet wird?
Ich: Beide.
Der Mann: Dass beide leiden, ist selbstverständlich. Sie haben meine Frage nicht richtig verstanden, ich meine: Wer leidet mehr? Also im Vergleich der Niveaus? Der Verlassende oder der Verlassene?
Ich: Dann: der Verlassene.
Der Mann: Sie müssen Ihre Entscheidungen auch begründen. Sie können nicht nur urteilen, Sie müssen Ihr Urteil auch begründen.
Ich: Der Verlassene leidet mehr, da der Verlassende bereits mit der Beziehung abgeschlossen hat und somit schon von vornherein eine Distanz aufgebaut hat.
Der Mann: Sehr gute Antwort. Aber Sie müssen verstehen, dass die Situation komplizierter ist. Es geht um mich und eine Frau, eine Freundin. Und ich habe ,Aus‘ mit ihr gemacht. Aber jeder mit dem ich bisher sprach, gab mir Recht. Jeder sagt, dass meine Handlung richtig war und ihre Reaktion vollkommen überzogen.
Vor einem Jahr schrieb sie noch in einem Brief, dass sie immer nach einem Mann wie mir gesucht hat. Jemand, der sie nicht äußerlich wahrnimmt - und dabei ist sie wirklich eine attraktive Frau. Wohlgeformter Busen und Po. Aber die Männer von heute sind dumm. Sie nehmen Frauen immer nur körperlich wahr und schenken ihrem Wesen keine Beachtung. Aber ich bin da anders. Dass Sie mich richtig verstehen, ich habe sie nie angefasst. Höchstens eine russische Umarmung. Und einmal küsste ich sie ganz vorsichtig im Nacken, weil sie sich für mich die Haare wachsen ließ und den einen Abend hochsteckte. Aber auch rein platonische Beziehungen können eine gewisse Intensität erreichen.
Wissen Sie? Und auch platonische Freundschaften können ,aus‘ sein. Ich führte sie auf eine höhere Ebene. Ich nahm sie mit zur Bischofsweihe und sie durfte hinter Kardinälen sitzen. Direkt hinter Kardinälen! Und ich schrieb ihr Briefe - die könnten höchstens von Hermann Hesse besser formuliert werden. Und unter jeden Brief schrieb ich, ganz vornehm, „Dein J.“ und darunter hätte man in Klammern schreiben können „Ein Liebesbrief“. Aber ich weiß nicht, ob sie es wahrgenommen hat. Manchmal schrieb ich drei Briefe pro Woche und erhielt auch wunderbare Antworten. Wir sahen uns ungefähr alle zwei Wochen, manchmal auch alle drei. Dann führte ich sie ganz vornehm zum Essen aus.
Sie hören übrigens gut zu.
Aber was passiert ist, das war einfach nicht hinnehmbar. Ich habe schon mit vielen Menschen gesprochen: mit befreundeten Oberärzten, mit Psychologen und alle geben mir Recht. Und deswegen möchte ich jetzt auch einmal mit einer jungen Frau sprechen. Denn wenn es um Frauen geht, muss man Frauen um ihre Meinung bitten. Nur eine Frau kann nachvollziehen, wie eine Frau denkt. Und vor allem junge Frauen sind noch so unverdorben im Gegensatz zu verheirateten Frauen. Sind Sie Schülerin?
Ich: Nein, Studentin.
J: Was studieren Sie?
Ich: Kommunikation an der Universität der Künste.
J: In der Hardenbergstraße?
Ich: Unter anderem.
J: Interessant. Dann passen Sie auf. Heute werden Sie mehr lernen als in jeder Vorlesung. Also, vor zweieinhalb Wochen, am 12. Juli, sah ich sie das letzte Mal. Sie ist Hebamme, wissen Sie, deswegen muss sie manchmal in langen Schichten von 12 bis 14 Stunden arbeiten. Das ist natürlich sehr anstrengend. Wir waren abends essen, sie hatte eine lange Schicht hinter und eine weitere anstrengende Schicht vor sich. Außerdem muss sie auf das Haus ihres Ex-Mannes aufpassen, die Katze füttern und sich dann noch ihre eigene Wohnung kümmern. Sie war zweimal verheiratet. Aber sie hat die Trennungen nie verarbeitet. Sie verdrängt das nur. Sie arbeitet viel, trifft sich mit Freundinnen, von denen sie nur ausgenutzt wird und verdrängt ihre Probleme, anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen.
Wie dem auch sei, sie brachte mich nach Hause und war schon so zurückweisend. Das ließ mir keine Ruhe. Wissen Sie, meine Meinung ist, dass man auch trennen können muss zwischen Kollegen oder Bekannten, an denen man Frust auslassen kann, und einem Freund, der einen immer unterstützt. Mit einem Freund darf man so nicht umgehen. Und mir ließ es keine Ruhe, dass sie mich so zurückwies an dem Abend. Also rief ich sie am nächsten Tag um 11 Uhr an. Ja, natürlich hatte sie eine lange Schicht. Und sie kam erst um 8 Uhr nachhause. Aber ich musste sie einfach anrufen. Und dann nahm sie den Anruf entgegen und war schon so harsch. „Wer stört mich?“ Und ich sagte: „Ich bin es, J.“. Und dann wurde sie immer wütender. Es glich beinahe einem Tobsuchtsanfall. Sie sagte dann: „Wir“ - so, als ob es zwischen uns eine Abmachung zwischen uns wäre und sie mein Einverständnis hätte - „Wir machen jetzt einmal eine Auszeit. Und das Treffen am 31. Juli“ - also, wir haben das schon seit langem ausgemacht, dass wir uns am 31. Juli wiedersehen - „Der 31. Juli fällt auch aus“.
Das ist eine doppelte Bestrafung! Wissen Sie, ich habe mein Leben lang als Strafrichter gearbeitet. Und diese doppelte Bestrafung ist der Situation vollkommen unangemessen. Ich meine, wie lange soll denn Auszeit sein? Eine Woche, ein Monat, ein Jahr, zwei Jahre? ich fragte sie auch danach und sie sagte, sie würde sich dann melden. Aber ich habe schnell analysiert, dass sie „wir“ sagt. Und deswegen sagte ich dann, mit ganz gesenkter Stimme, wie ein Psychologe: „WIR nehmen keine Auszeit, sondern ICH mache ,aus‘ mit dir. Ich schicke dir deine Briefe zurück und Du gibst mir die Kette wieder“ - ich schenkte ihr eine goldene Kette, ein Erbstück meiner Mutter. Ach, wenn sie das wüsste, sie würde mich aus dem Haus jagen, dass ich die Kette einer so undankbaren Frau gegeben habe“.
Aber sagen Sie bitte, finden Sie nicht auch, dass sie überreagiert hat… mich gleich so hart zu bestrafen? Ach, entschuldigen Sie bitte, die suggestive Frageweise. Aber bisher hat jeder zugestimmt, dass ihr Verhalten überzogen war.
Ich: Ich bin mir nicht sicher. Sicherlich war das, was sie sagte nicht angemessen, aber andererseits hatte sie nur sehr wenig Schlaf, war überarbeitet und womöglich haben Sie sie geweckt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich in einer ähnlichen Situation anders reagieren würde. Vielleicht hat sie das, was sie sagte, nur im Affekt gesagt.
J: Nein, da müssen Sie schon korrekt formulieren. Affekt ist eine Handlung, die aus einer Situation heraus entsteht. Wenn ich eine Wespe verscheuche und dabei aus Versehen meinen Finger in Ihr Auge steche, dann ist das strafrechtlich eine Affekthandlung. Wenn ich aber mit einer Frau ausgehe und auf ihre Mutter treffe, die ich nicht mag und meine Laune schlecht ist, und deswegen die Mutter erschieße, dann ist das eine bewusste Handlung.
Ich: Gute, dann hat sie nicht im Affekt, aber vielleicht dennoch unbewusst gehandelt.
J: Aber ich bin doch ein Freund. So kann man mit einem Freund nicht umgehen. Ich nehme ihr schon so viele Lasten ab, hab sie nie mit meinen Problemen beladen. Wissen Sie, mein Bruder ist nach neun Operationen gestorben. Ich habe jeden Abend gebetet, dass der liebe Gott ihn doch überstehen lassen möge, aber Gott hat ihn zu sich geholt. Und sie weiß noch nicht einmal davon. Aber glauben Sie, dass sie jetzt mehr leidet als ich? Ich möchte nicht sadistisch wirken, aber glauben Sie, dass sie mehr leidet?
Ich: Ich denke schon.
J: Sie müssen das aber begründen.
Ich: Ich glaube, dass sie mehr leidet, weil sie vermutlich mit Ihrer Reaktion nicht gerechnet hat. Hat sie denn die Kette schon zurückgeschickt?
J: Gut, dass sie fragen, Sie passen wirklich gut auf und können gut analysieren. Aber nein, sie hat die Kette noch nicht zurück gesendet. Wissen Sie, als ich das am Telefon sagte, dann sprach sie wie ein kleines Mädchen und sagte „Geschenkt ist geschenkt, wieder holen ist gestohlen“. Dabei ist das juristisch vollkommener Unfug, da ein Recht auf Rückgabe eines Geschenkes bei grobem Undank besteht. Aber ich würde nie jemanden verklagen, nein, das würde ich nicht machen. Außerdem würde mich das sehr verzweifelt dastehen lassen. Warum, glauben Sie, hat sie die Kette noch nicht zurückgeschickt?
Ich: Naja, Sie sagten zu ihr, dass Sie die Briefe zurückschicken und dass sie die Kette zurückgeben soll. Aber Sie haben die Briefe nicht geschickt, oder?
J: Nein, habe ich nicht.
Ich: Also ist sie sich vielleicht unsicher, ob Sie Ihr „Urteil“ ernst gemeint haben. Und solange Sie die Briefe nicht als Beweis der Ernsthaftigkeit Ihres ,aus‘ hat, wird Sie sicher nicht die Kette zurückschicken.
J: „Ernst“ ist ein gutes Stichwort. Bisher war sie immer diejenige, die mit Männern Schluss gemacht hat. Es ist das erste Mal, dass ein Mann ihr das vorweg genommen hat. Und sie muss auch lernen, dass man mit Männern nicht so umgehen kann.
Darf ich mir Ihre Meinung notieren?
Ich: Ja. (Wir stehen mittlerweile nicht mehr auf dem Fußweg, sondern sitzen auf einer Parkbank und J. zieht ein kleines Notizheft aus der inneren Tasche seines Jacketts)
J: Also, was ist Ihr oberer Leitsatz? Leidet sie mehr?
Ich: Ja, ich denke, sie leidet mehr. Allerdings kenne ich sie nicht und kann nur anhand Ihrer Erzählungen ableiten. Vielleicht waren Sie ihr tatsächlich zu nah und sie suchte einen Anlass, um Distanz zu schaffen. Aber auch dann wird sie vermutlich mehr leiden, weil sie mit Ihrer Reaktion sicher nicht gerechnet hat. Außerdem ist es meistens ein sehr starkes Symbol, wenn man als Frau die Kette der verstorbenen Mutter eines Mannes geschenkt bekommt. Sie zurück zu wollen, ist ein genau so starkes Zeichen der Distanz und ich kann mir gut vorstellen, dass sie hofft bzw. unsicher ist, dass Sie das ,aus‘ und damit die Rückforderung der Kette ernst gemeint haben. Die Unsicherheit hängt aber auch damit zusammen, dass Sie die Briefe noch nicht zurückgeschickt haben, denn Ihr „Urteil“ ist stark damit verknüpft.
J: Sie meinen also, ich habe das Urteil ausgesprochen, lasse aber die Vollstreckung aus?
Ich: Sozusagen, ja.
J: Und, eine letzte Frage - vielen Dank, dass Sie sich jetzt schon so viel Zeit genommen haben - muss Sie sich bei mir melden? Denn wenn ich aktiv werde, mildere ich mein Urteil wieder ab, gebe nach, und komme wie ein Weichei an. Das wollen Frauen nicht. Ich glaube, Frauen wollen auch einen Mann, der sich auch durchgreifen kann. Einen, der sonst zwar Gentleman und respektvoll ist, aber auch Grenzen ziehen kann. Wenn Sie mich fragen, in ihr werden jetzt verschiedene Stufen ablaufen: Erst wird sie verwundert, dann resigniert und wütend sein, dann wird sie realisieren, dass es ihre Schuld war, dass es soweit kam und traurig werden. Am Ende wird sie mich vielleicht für mein Unverständnis für ihre Situation hassen, aber wissen Sie, Hass und Liebe liegen so nah beinander. Manchmal, da kann so eine Situation auch erst die Liebe entfachen. Aber, wer muss sich jetzt melden?
Ich: Es kommt drauf an. Entweder Sie möchten die Kette zurück, dann sollten Sie ihre Briefe zunächst zurückschicken. - Das Urteil vollstrecken. Wenn Sie aber möchten, dass nicht aus ist, dann muss sie sich melden und sich entschuldigen.
J: Ja, das sagen alle zu mir. Egal, wen ich Frage. Ich war schon in Spandau, habe dort mit einem Gemüseverkäufer gesprochen, eine Verkäuferin in einer Boutique auf der Tauentzien, eine Araberin in Charlottenburg. Alle sagen, ich soll passiv bleiben. Und, noch eine allerletzte Frage: Wer hat gewonnen?
Ich: Es gibt weder Gewinner noch Verlierer. Ich finde die Metapher nicht passend. Aber im schlechtesten Fall haben Sie beide verloren. Ich wünsche Ihnen jedoch, dass sie sich meldet.
Nachbetrachtung
Das Gespräch dauerte insgesamt 2h und war von unzähligen Redundanzen innerhalb der Fragen, Antworten und Darlegungen verschiedener Aspekte geprägt. ich habe lange überlegt, ob es angemessen ist, die Begegnung als non-fiktionales Gedankenprotokoll zu veröffentlichen. Da J. jedoch meine Meinung in sein Notizheft aufgenommen hat und mich womöglich gegenüber zukünftigen Gesprächspartnern ebenfalls in seine Situationsbeschreibung einfließen lassen wird („Ich traf auch eine 21-jährige Studentin an der Weberwiese…“), möchte ich ihn ebenfalls referenzieren. Im Nachhinein frage ich mich, wie verzweifelt und emotional verwirrt ein Mensch, der lange Zeit als Richter gearbeitet hat, quasi ein “Profi der Urteilsfindung ist”, sein muss, um fremde Menschen auf der offenen Straße anzusprechen, ihnen über langen Zeitraum detailliert seine und die Geschichte der Frau zu erzählen, nur um herauszufinden, wie er sich im Weiteren verhalten soll.